Wie das Atzentum zum Mitmachen verführt
Sucht kommt nicht immer mit leeren Augen, großen Problemen und geplatzten Träumen daher. Manchmal trägt sie auch eine Carhartt Jeans, einen Oberlippenbart und sieht dabei eigentlich ganz lässig aus.
©Toni Quell. Cool aussehen, süchtig sein? Dieser 26-jährige spricht über seine Alkoholsucht und was seine Atzen damit zu tun haben.
Dreckige Asics Sneaker, Tattoos auf den Beinen, Drehzeug in der Hosentasche, dunkelgrüner Second-Hand Pullunder und hellrosa Gizeh Kappe – Paul ist von Kopf bis Fuß ein cooler Typ. Paul ist eine Atze.
Atzig ist, wer lässig ist. Atzen sind entspannt, gesellig und umgänglich. Atzen sind Kollegen, Gleichgesinnte und meistens Männer. Die eigenen Atzen sind schweigend für einen da, wenn es mal schlecht läuft. Freundschaft unter Atzen kommt ohne Sentimentalität aus. Als Atze hat man gern Spaß, aber auf eine unprätentiöse Weise. Mit den Atzen trifft man sich in der Kneipe oder am Späti, mit den Atzen wird Bier getrunken, gekifft oder geballert.
Eine Sache macht man als Atze aber auf keinen Fall. Man verdirbt den anderen nicht den Spaß, indem man sagt, wenn man süchtig ist.
©Toni Quell. „Kneipe, Cornern, Bierchen sippen, Schnappo, Rauchen – gehört schon mit dazu", sagt Paul über das Atzentum.
Der perfekte Rausch
Als sie 18 sind, nehmen Paul und seine Freunde das erste Mal MDMA. Vor dem Hip-Hop Konzert sind die jungen Männer ganz aufgeregt: Sie haben sich eingelesen, Kaugummis mitgebracht, anderen Bescheid gegeben und keinen Alkohol getrunken, damit nichts passiert, damit sie einen guten Rausch haben. „Das war ein Riesending. Kurz davor hat es sich angefühlt, als müssten wir gleich eine Präsentation halten, übelst Bauchflattern. Und dann den besten Abend ever gehabt.“
Die Jungs nehmen sich vor, so etwas höchstens alle vier Monate zu wiederholen, damit sich der Körper regenerieren kann. „Wenn man dann aber mal in der Zeit vier oder auch nur zwei Jahre nach vorn springt: Irgendeine random Hausparty, in irgendeinem Kaff. Drei Leute haben schon jeweils drei Pillen drin und gucken in alle Richtungen.“ Heute ist Paul 26. „Man nimmt sich das so selbstbewusst vor und sagt, ich werde es easy kontrollieren können. Und dann wird es immer mehr zur Gewohnheit. Immer öfter Drogen mit immer mehr Leuten. Ruckzuck bist du in einem ganz anderen Modus.“ Später wird Paul feststellen, dass das Trinken und Ballern gerade zu Beginn eine wichtige Rolle für die Zugehörigkeit seiner Freundesgruppe spielten. Ein Eintrittspreis, der im Atzentum nirgends ausgeschrieben ist.
Zwei, drei unschuldige Bier
Pauls Geschichte ist keine von harten Schicksalen und großen Katastrophen. Dass er oft zu viel trinkt und dann schwer nein zu Drogen sagen kann, hat noch nie seine Arbeit, sein Geld oder seine Beziehungen gefährdet. Noch niemand hat Paul beiseite genommen und ein ernstes, aber liebevoll gemeintes Gespräch mit ihm geführt. Und trotzdem sagt er über sich, dass er süchtig ist. Zaghaft verlässt es seine Lippen, bei dem Wort „alkoholkrank“ pegelt er seine kraftvolle Stimme deutlich runter. So als ob er sich selbst noch nicht ganz sicher wäre. Als ob er es zum ersten Mal vor jemand anderem laut ausgesprochen hat.
Sein Leben spielt zwischen einer bayerischen Kleinstadt und Berlin. Man könnte meinen, die Großstadt ist der Ort für berauschende Versuchungen und ausgelassene Nächte – Für Paul sind es aber vielmehr seine geliebten Atzen aus der Heimat, die ihn immer wieder zum Bierchen und danach auch zum Baggy greifen lassen. Die Initialzündung für eine durchzechte Nacht mit schmerzhaftem Kater sind seine Freunde und zwei, drei unschuldige Biere.
©Toni Quell. „Ich treffe mich mit meinen Freunden nicht nur zum Bier trinken. Aber 90 Prozent der Zeit, in der wir uns sehen, wird auch Bier getrunken. Es ist omnipräsent.”
Aufhören, wenn es am schönsten ist
Dann nimmt Pauls Abend seinen Lauf. „Wenn ich nicht mehr nüchtern bin, kann ich keine rationalen Entscheidungen treffen. Auf einmal stehe ich auf einer Clubtoilette und baller mir mit irgendwelchen random Leuten Sachen durch die Nase. Nüchtern würde ich mich fragen: Wie bescheuert bist du?! Man kennt die Leute nicht, man weiß nicht mal, was das für ein Stoff ist, und macht es trotzdem, weil in dem Moment einfach alles egal ist.“
Gelingt es Paul wieder einmal nicht, seine guten Vorsätze für einen Abend mit Freunden einzuhalten, löst das gemischte Gefühle in ihm aus. „Ich ärgere mich danach, weil ich es auch hätte lassen können. Am nächsten Morgen denkt man sich: Das ging eigentlich gar nicht klar dicker. Man fühlt sich reudig, hat Nasenbluten, kaum geschlafen und fragt sich, was hab ich mir da reingezogen?“
Im Verlauf des Rauschs steht man irgendwann vor der Entscheidung: Legt man nach oder geht man heim? „Die Kunst ist, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Ich schaffe das auch ab und zu, das sind die besten Abende. Das Ding ist halt, die Drogen ruinieren nicht meinen Alltag, Alkohol macht mein Leben nicht kaputt. Man fühlt sich scheiße wegen des Katers – aber ich bin durch Konsum noch nie so hart aufs Maul gefallen, dass ich denke, ich muss es wirklich lassen.“
©Toni Quell. Ab wann muss man das mit dem Alkohol wirklich lassen?
Hochprozentige Langeweile
Man hätte es auch lassen können. Das denkt Paul öfter. Aber hätte er es tatsächlich lassen können? In Pauls Heimatstadt passiert nicht viel, aber man macht es sich schön. „Drogen sind in der öffentlichen Wahrnehmung ein Großstadtding, besonders wenn man an Berlin denkt. In der Kleinstadt aber ist nicht viel zu tun. Es gibt nichts. Es gibt sowas wie einen Jugendclub, klar, aber der ist schon immer halbherzig whack gewesen. Dann greift man halt zum Glas, was macht man sonst? Wenn man mit Freunden abhängt, wird es irgendwann langweilig, dann besäuft man sich eben.“
Wenn Alkohol der Auslöser für Drogenexzesse und Reue am Morgen ist, warum trifft man sich dann an Weihnachten in der Heimat nicht einfach zum Plätzchenbacken? Wieso an Geburtstagen nicht gemeinsam wandern gehen oder sich auf einen Kaffee sehen?
„Ich treffe mich mit meinen Freunden nicht nur zum Biertrinken. Aber 90 Prozent der Zeit, in der wir uns sehen, wird auch Bier getrunken. Es ist omnipräsent: beim Fußballspiel, beim Essen, beim Kollegen auf der Veranda. Bier gehört dazu. Wenn man schon immer und überall Bier angeboten bekommt, dann fühlt sich das auch nicht falsch an.“ Mit einer Handvoll besten Freunden verbringt Paul auch Zeit ohne Alkohol. „Mit denen kann ich fünf Stunden wandern und plaudern, ohne was zu trinken. Weil wir emotional auf einem anderen Level sind.“ In der erweiterten Freundesgruppe jedoch seien alle unterschiedlich alt. Den jüngeren möchte Paul keine Vorschriften machen. Dass er sich Gedanken über seinen Konsum macht, war nicht immer so. „Ich bin jetzt 26, vor ein paar Jahren hätte ich mir das alles vielleicht auch noch nicht eingestanden.“ Niemand will der Buhmann sein. Auf die Idee, dass es womöglich gerade im jungen Alter ein männliches Vorbild bräuchte, das ohne Drogen atzige Coolness ausstrahlt, kommt Paul nicht.
©Toni Quell. Zwei entspannte Bier mit den Kollegen trinken und dann ab nach Hause – das ist in der Theorie oft Pauls Plan.
Bier oder Ich
Um die Drogen Spirale ganz zu durchbrechen, müsste Paul aufhören, mit seinen Freunden Alkohol zu trinken. Könnte er das?
„Mit meinen besseren Freunden auf alle Fälle, aber mit ungefähr 80 Prozent der Leute hänge ich auf Partymodus. Klar, man hilft mal beim Renovieren oder sowas, das ist aber selten. Meistens trifft man sich zum Partymachen. Da sind Alkohol und Drogen immer dabei. Wenn ich gar nichts mehr konsumieren wollen würde, dann müsste ich eigentlich ganz ciao sagen. In dem Fall müsste man sich fragen: Ist diese Freundschaft wirklich eine Beziehung, die es wert ist, aufrecht erhalten zu werden, wenn ich eigentlich aufhören will, zu trinken? Es ist superschwierig, denn bei mir wären das viele soziale Kontakte, die wegfallen würden.“
Wenn es also heißt Bier oder Ich, dann würden sich die meisten wohl gegen Paul entscheiden. Wieso hält sich Alkoholkonsum in der Freundesgruppe so hartnäckig? Wurde mit dem Atzentum ein begehrtes Männerbild geschaffen, das nicht ohne Alkohol auskommt?
Mittendrin
„Vor allem in den Anfangszügen von meinem Konsum war das ein großer Faktor; dass man eigentlich nicht wirklich in die Gruppe integriert ist, wenn man nicht trinkt. In der Folge landet man dann vielleicht in einer anderen Gruppe.“
Vielleicht in einer Gruppe, die weniger Coolness ausstrahlt? Atzen und Alkohol, das ist für Paul kaum trennbar. „Kneipe, Cornern, Bierchen sippen, Schnappo, Rauchen – gehört schon mit dazu. Entspannt sein, sich nicht zu ernst nehmen. Besonders in der Jugend ist es schwer, gar nicht zu konsumieren, wenn sonst jeder Bock hat, zu saufen. Und dann bist du halt drin, bevor es wirklich... Dann bist du halt schon mittendrin.“
Der Name des Protagonisten wurde geändert.